Cybermobbing – Der Schatten der Worte

Marie war zehn Jahre alt und ging in die vierte Klasse einer kleinen Grundschule. Sie mochte Pferde, Lasagne und das Zeichnen bunter Fantasiewesen in ihr Notizbuch. Sie hatte zwei beste Freundinnen: Lilli und Aylin. Zusammen lachten sie oft über Blödsinn – vor allem in ihrer Klassengruppe auf dem Handy, wo sie sich täglich Sprachnachrichten und Sticker schickten.

Doch dann änderte sich etwas.

Es begann mit einem harmlos gemeinten Foto von Marie mit Zahnpasta im Gesicht – ein lustiger Moment, den sie selbst in die Gruppe schickte. Am nächsten Tag hatte jemand das Bild bearbeitet: Mit Glubschaugen und einem dummen Spruch darunter: „Marie, das neue Monster aus der Zahnhölle 😆👹“. Alle lachten. Nur Marie nicht.

Zuerst dachte sie, es wäre nur Spaß. Doch die Kommentare hörten nicht auf. „Dusch dich mal, Marie!“, schrieb jemand. „Wie redest du eigentlich?!“ Ein anderes Mädchen postete: „OMG, Marie ist so komisch. Kein Wunder, dass die niemand mag.“ Und plötzlich lachten nicht mehr nur zwei oder drei – sondern fast die ganze Klasse. Auch Aylin sagte nichts mehr.

Marie wurde still. Sie hatte Bauchweh, redete kaum noch mit ihren Eltern, wollte nicht mehr zur Schule. Sie löschte die App, aber die Nachrichten hörten nicht auf – jemand hatte sogar ein extra Meme von ihr gemacht, das auf Instagram landete. Marie schämte sich. Für etwas, das sie nicht getan hatte. Für etwas, das aus einem Spaß zu etwas Grausamem geworden war.

Erst als ihre Klassenlehrerin einen anonymen Hinweis erhielt und mit Marie sprach, brach sie in Tränen aus. Die Schule reagierte schnell: Gespräche mit allen Beteiligten, inklusive Eltern und Schulsozialarbeiterin. Die Täter*innen mussten Verantwortung übernehmen, und Marie bekam psychologische Hilfe. Sie lernte: Nicht sie war das Problem – sondern das, was andere mit Worten anrichteten.

Doch dann passierte etwas, das Marie erschreckte.

Einige Wochen später wurde ein anderes Mädchen aus der Klasse, Emma, das neue Ziel. Sie war neu an der Schule, trug altmodische Kleidung und war eher schüchtern. Lilli schickte ein peinliches Foto von ihr in eine neue Gruppe – und viele lachten. Auch Marie. Nur ein bisschen. Nur ein Emoji. Nur ein „Haha“. Doch als sie abends in den Spiegel sah, erschrak sie.

War sie gerade dabei, genau das zu tun, was ihr so wehgetan hatte?

Sie schrieb Emma eine Nachricht. Entschuldigte sich. Am nächsten Tag stand sie in der Klasse auf, erzählte ihre Geschichte – mit klopfendem Herzen, mit zitternder Stimme. Und sie sagte den Satz, der später an die Wand des Klassenzimmers gemalt wurde:

„Wer nichts sagt, hilft den Falschen.“


Folgen von Cybermobbing
Cybermobbing hinterlässt tiefe seelische Spuren: Angst, Isolation, Selbstzweifel – und manchmal das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. Opfer ziehen sich zurück, verlieren das Vertrauen in andere und sich selbst. Doch die Grenze zum Täter*innensein ist oft schmal: Wer schweigt oder mitlacht, wird schnell Teil des Problems. Maries Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, früh zu handeln – und mutig zu sein.